„Nackt. Das Netzt vergisst nie“ mit Aleen Kötter in der Rolle Lara

Tilmann P. Gangloff
Eine ähnliche Geschichte hat Sat 1 vor einigen Jahren schon mal erzählt: In „Online – meine Tochter in Gefahr“ wurden Mutter und Tochter das Opfer perfider Internetattacken. „Nackt. Das Netz vergisst“ ist jedoch näher bei ARD-Tragödien wie „Homevideo“ oder „Das weiße Kaninchen“, in denen Nacktaufnahmen von Jugendlichen im Netz kursieren. Darum geht es auch in dem Sat-1-Film mit Felicitas Woll: Als eine Familie mit Nacktfotos ihrer minderjährigen Tochter erpresst wird, startet die Mutter einen verzweifelten Kampf gegen den Betreiber der Website. „Nackt“, dramaturgisch einfallslos erzählt, erreicht allerdings bei weitem nicht die Intensität der beiden mit dem Grimme-Preis gekrönten ARD-Dramen.
Auf der Website „Fuck my Ex“ tauchen die Nacktfotos auf, die die 16jährige Lara mit dem Smartphone für ihren Freund Basti gemacht hat. Gegen eine Zahlung von 500 Dollar bietet der Betreiber der Seite an, die Bilder zu löschen. Die Eltern zahlen, das Profil verschwindet; bis zum nächsten Tag. Da die Website anscheinend irgendwo in Asien betrieben wird, ist die deutsche Polizei machtlos. In der Hoffnung, einen Hinweis auf die Identität des Urhebers zu bekommen, nimmt Laras Mutter Charlotte (Felicitas Woll) Kontakt zu den anderen deutschen Frauen auf der Seite auf, aber bei allen ist die Scham zunächst größer als die Wut. Als sie schließlich doch Erfolg hat, schlägt die dunkle Seite des Netzes erbarmungslos zurück.


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Foto: Sat 1 / Arvid Uhlig
Die Familie. Daraus, dass die Mutter etwas wieder gut machen möchte bei ihrer Tochter, entsteht der nächste Konflikt. Martin Gruber, Aleen Kötter, Felicitas Woll

 

Anders als etwa in „Homevideo“ (NDR 2011) wird die Geschichte (Buch: Anne-Marie Keßel) nicht aus Sicht der Tochter erzählt. Hauptfigur ist vielmehr Mutter Charlotte, die sich in einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen Windmühlen stürzt und derart auf ihren Kreuzzug fixiert ist, dass sie völlig vergisst, sich um die traumatisierte Lara zu kümmern; ihre Ehe leidet ebenfalls. Trotzdem sind die Szenen mit Lara ungleich berührender. Beim Spießrutenlauf in der Schule lässt sich – trotz plakativer Inszenierung – gleich zweimal gut nachvollziehen, wie es dem Mädchen ergeht. Die junge Aleen Jana Kötter vermittelt Laras Unbehagen, das sich zur Panik steigert, vorzüglich (und manchmal legt sich ein zarter, zuversichtlicher Glanz in ihre Augen); sie war schon als ältere Tochter in dem Drama „Nur eine Handvoll Leben“ ganz ausgezeichnet. Felicitas Woll und Martin Gruber sind als Eltern überzeugend, als die Welt der Familie noch in Ordnung ist; später klingen die Dialoge nur noch selten lebensnah (vorgetragen). Woll gelingt es zudem nicht, an ihre herausragende Titelrolle in „Die Ungehorsame“, einem erschütternden Sat-1-Drama über Gewalt in der Ehe, anzuknüpfen. Auch die Umsetzung weckt längst nicht so viel Empathie wie die anderen Internetfilme. Das liegt nicht zuletzt auch an der uninspirierten, ewigen Eine-Frau-geht-ihren-Weg-Dramaturgie, die „Problemfilme“ dieser Art über ihr Thema legen und es damit austauschbar machen.


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Foto: Sat 1 / Arvid Uhlig
In der Schule. So plakativ der Titel, so knallig werden die Reaktionen der Mitschüler in Szene gesetzt. Auch filmisch ist diese Szene mit einem Heer schlechter Statisten eher zum Fremdschämen. „Nackt“ lässt prinzipiell keinen Raum für Zwischentöne.

 

Keßler und Regisseur Jan Martin Scharf erzählen die Geschichte als Rückblende. „Nackt“ beginnt auf dem Tiefpunkt, als Charlotte dem Nervenzusammenbruch nahe ist, mit einem Fleischermesser bewaffnet auf die nächtliche Straße rennt und eine junge Frau aus der Nachbarschaft, die mit ihrem Freund im Auto schmust, fast zu Tode erschreckt. Den Grund für diesen Ausraster verrät der Film über eine Stunde später, als sich der Kreis wieder schließt: Ein Polizeiexperte für Internetkriminalität (Yung Ngo) hatte ihr geraten, auf verdächtige Autos zu achten. Als Charlotte durch die Jalousien nach draußen schaut, sehen die Lamellen wie Gitterstäbe aus. Bei einigen Einstellungen auf der Straße, als sie einen mit dem Smartphone filmenden Passanten attackiert, wirkt die Kamera wie an Wolls Körper befestigt, sodass automatisch eine große Nähe entsteht. Zum Abschluss der Szene steigt die Kamera vertikal in die Höhe; ein Bild, das in der Sprache des Films für den Tod steht. Das ist für lange Zeit das letzte Mal, dass Kameramann Markus Eckert Akzente setzt.

 

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Foto: Sat 1 / Arvid Uhlig
Der Netz-Kriminalist. Soll das Szenenbild dem Zuschauer sagen, dass das Dezernat Cyber-Kriminalität mehr finanzielle Mittel als juristische Befugnisse besitzt? Wohl nicht. Eher wollte man wenigstens ein Mal optisch klotzen in einem Film, der visuell (außer einer ziemlich sterilen Ausstattung & Lichtsetzung) nicht viel zu bieten hat.

 

Natürlich soll ein derart packender Auftakt die Neugier wecken, aber er hat auch zur Folge, dass die Spannung anschließend wegsackt. Emotional wird es erst wieder, als Charlotte ihre Tochter belehrt, man müsse sich seinen Ängsten stellen; außerdem gebe es in der Schule niemanden, der ihr etwas Böses wolle. In Zeitlupe zeigt Scharf, was Lara nun erlebt: Anfangs gucken alle bloß komisch, dann gibt es die ersten anzüglichen Bemerkungen. Am schlimmsten ist der Verrat von Basti (Niklas Nißl), der nicht etwa zu ihr hält, sondern auf Distanz geht, sodass fast der Eindruck entstehen könnte, er stecke hinter der Aktion. Ohnehin pflegt der Film einen seltsamen Umgang mit den potenziellen Verbündeten: Bei der Polizei unterstellt eine ältliche Beamtin, Lara habe die Fotos selbst ins Netz gestellt. Ähnlich unmotiviert unsympathisch verhält sich eine Hacker-Gruppe, die Charlotte äußerst arrogant abblitzen lässt, als sie die Jugendlichen bittet, die Website stillzulegen. Auch für diese Szenen gilt: Sie sind vor allem dramaturgisch motiviert. Sie sollen die Figuren „runterziehen“, damit die Heldin als eine Art Löwenmutter irgendwann ihren Kampf (anfangs gegen Windmühlen) beginnen kann.

 

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Foto: Sat 1 / Arvid Uhlig
Die Mitstreiterin. Muslima Amal (Jasmina Al Zihairi) entwickelt sich zur tragischen Figur der Geschichte. Weil das TV-Drama „Nackt. Das Netz vergisst nie“ keine seiner Interaktionen ernsthaft vertieft, keinen inneren Konflikt ausagiert, benötigt der A-Plot Amals B-Plot, damit die Geschichte weitergehen kann. Dramaturgisch steht der Film auf ganz schwachen Füßen. Da kann auch Felicitas Woll nichts retten.

 

Einzige Mitstreiterin ist Amal (Jasmina Al Zihairi), auch sie ein Opfer von „Fuck my Ex“. Dass sich die junge Frau Charlottes Kreuzzug anschließt, ist nicht selbstverständlich, denn sie hat viel mehr zu verlieren als Lara: Sie ist Muslima, ihr Vater ist Imam, ihre Mutter geht davon aus, dass sie eines Tages jungfräulich heiraten wird. Umso unglaubwürdiger wirkt es, dass Charlotte sich nicht um die Verbündete kümmert, als Amal völlig aufgelöst vor ihrer Haustür steht; so wird die Freundin zur tragischen Figur der Geschichte. Ein Geheimnis bleibt, wie es der Heldin als Computeramateurin gelingt, die Adressen der weiteren Opfer (unter anderem Grit Boettcher in einer überraschenden Rolle) herauszufinden. Immerhin verschaffen die Bemühungen des Justizministeriums, Facebook & Co notfalls mit juristischen Mitteln zu größerer sozialer Verantwortung zu zwingen, dem Film eine unverhoffte Aktualität. Angesicht dieser Relevanz und der Ernsthaftigkeit, mit der das Drama die Thematik – obgleich dramaturgisch ungelenk – behandelt, ist der Titel mit seinem plakativen Reizwort „Nackt“ erstaunlich plump. Dazu passt, dass Scharf Laras Nacktfotos unnötig oft zeigt. Sat 1 versichert jedoch, auf den Bildern sei „selbstverständlich nicht“ Aleen Jana Kötter zu sehen. Es handele sich um eine Montage, die auf der Basis von Modelfotos entstanden und so bearbeitet worden sei, dass der Körper keiner reellen Person zugeordnet werden könne.

 

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Foto: Sat 1 / Arvid Uhlig
Die Betroffenen. Wird der Kreuzzug doch noch gewonnen? Der Zuschauer kann sich allerdings wenig freuen über die Wende. Während über die gesamte 90 Minuten kaum Empathie geweckt wird beim Zuschauer, verkommt selbst eine Szene wie diese zum ausgestellten Knalleffekt. Das passt zu diesem Film, in dem vieles zu laut, zu simpel, zu vorhersehbar, zu vordergründig und dramaturgisch zu abgeschmackt ist.

 

Tilmann P. Gangloff ist seit 1985 freiberuflicher Fernseh- und Filmkritiker für Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit 1990 regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis sowie Mitglied diverser anderer Fernsehpreisjurys.